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Meine Geschichte.

Blogbeiträge zu unterschiedlichen Themen, Gedanken, Gefühle, Erfahrungen..​Schön und gut. Kennt man ja. Ist ja auch schon fast irgendwie fancy über sein Innenleben zu schreiben und psychische Erkrankungen zum Thema zu machen. Wichtig, wie ich finde. Aber warum Ich ? Was sind die Hintergründe ? Wie kam es dazu, dass bei mir ein paar Streifen verrutscht sind ? Wenn du magst, kannst du hier meine persönliche Geschichte lesen und so vielleicht ein bisschen besser verstehen, wie es zu diesem Blog kam. Also, es war einmal...

Es war einmal.

„Nicht jede Diät endet in einer Essstörung aber jede Essstörung hat mal mit einer Diät begonnen“. Eine Aussage von Dr. Julia Tanck, einer Psychologin und Psychotherapeutin, die in einem Podcast zu gst war, in dem es in einer Folge um die Themen Diätkultur, Bodyshaming und Essstörungen ging. Interessant, dachte ich. Dass es so eindeutig ist und scheinbar durch Studien belegt, das war mir nicht klar. Aber klar ist mir, dass es in meinem Fall genau so war.

Mit vierzehn sah ich mir Bilder von meiner Konfirmation an. Ich war geschockt. So sehe ich aus ? Wirklich ? Ich konnte es nicht glauben. Von außen hatte nie jemand an mich heran getragen, dass ich dick, moppelig oder sonst was sei. Ich wurde nicht gemoppt oder gehänselt. Ich hatte viele Freunde, Hobbys, war etwas mehr als durchschnittlich gut in der Schule und war alles in allem ein glückliches Kind. Essen war nie ein großes Thema in unserer Familie. Meine Eltern hatten mich und meine Schwester nie gemaßregelt, Süßigkeiten verboten oder sonst irgendwelche Regeln in Bezug auf Essen aufgestellt. Alles war normal.

Wenn ich mich zurück erinnere, dann verbinde ich viele schöne Momente mit Essen. Ich erinnere mich zum Beispiel daran, wie ich mit meiner Schwester und zwei Freunden auf Inlineskates zu einer Eisdiele gefahren bin um dort herauszufinden, wer die meisten Kugeln Eis essen konnte. Ich erinnere mich auch an Urlaube auf der schönsten Nordseeinsel Borkum, in denen ich immer eine Freundin traf. Wir waren täglich Stammgäste in diversen Strandbuden und haben Eis oder andere Leckereien gegessen. Ich erinnere mich auch daran, dass es für mich und meine Schwester nach jedem Essen immer einen Nachtisch gab. Der gehörte einfach dazu. Ich erinnere mich an Dinge, wie Frühstück mit Nuss-Nougat-Creme und Crossaints, an das Grillen von fettigen Würstchen oben auf einem Berg im Urlaub in der Schweiz und an die Dienstag Abende an denen nach der Trennung unserer Eltern immer unser Vater auf uns aufpasste. Er brachte oft halbe Hähnchen mit Pommes mit, da er nicht der beste Koch war. Ich erinnere mich an Pfannkuchen mit Marmelade und Zimt und Zucker bei meiner einen Oma und an die riesigen Eisbehälter bei meiner anderen Oma im Keller in der Gefriertruhe. Und und und… jede Menge schöne, unbeschwerte Erinnerungen aus meiner Kindheit. Die Themen Gewicht, Figur, Körperideale, Kalorien gab es für mich nicht. Was für eine schöne Zeit.

Und dann sah ich diese Fotos von meiner Konfirmation, auf denen ich ein Outfit in Größe XL trug. Ich kann mich daran erinnern, dass meine Mutter das Outfit mit mir gekauft hatte. „Die Sachen fallen halt einfach sehr klein aus mein Schatz“. Naja, wenn Mama das sagt, dann wird das wohl stimmen. Also machte ich mir weiterhin keine Gedanken um meine Figur. Doch dann der Anblick dieser Fotos. Für mich war sofort klar, dass ich abnehmen wollte. So schrecklich, so ekelhaft wollte ich nicht länger aussehen! Hätte ich damals gewusst, dass die Entscheidung abnehmen zu wollen der Beginn eines endlosen Martyriums, eines nie endenden Kampfes gegen meinen Körper sein sollte, dann hätte ich meine Diät-Pläne vielleicht schnell wieder über den Haufen geworfen.

Aber wie nimmt man überhaupt ab? Heute erklären einem auf diversen Social Media Plattformen jede Menge mehr oder weniger seriöse Experten, wie das am besten und am schnellsten funktioniert. Ob man sich an diese Ratschläge halten sollte, ist eine andere Frage. Als ich beschloss den Kampf gegen meine vermeintlich zu vielen Kilos aufzunehmen, gab es für mich nur eine Informationsquelle: Mama. Meine Mutter unterstützte mich damals bei meinem Vorhaben ein klein wenig abzuspecken. Sie wollte ja, dass ich glücklich war. Da meine Mutter zu der Zeit bereits den Laufsport betrieb, half sie auch mir in Bewegung zu kommen. Hinter unserem Haus lag ein Park, in dem man mich nun regelmäßig im Wechsel ein paar Meter joggen und ein paar Meter gehen sah. Denn so beginnt man mit dem Laufen. Nach und nach konnte ich dann die Gehpausen reduzieren und längere Stücke joggen. Doch da nicht nur der Sport wichtig ist, wenn man Gewicht reduzieren möchte, änderte ich auch ein bisschen was an meiner Ernährung. Erneut unterstützt von meiner Mutter. Doch eine drastische Crash-Diät sollte es nicht sein. Es wurden lediglich die Süßigkeiten etwas reduziert, mehr Obst und Gemüse in den Speiseplan integriert und einige nicht so gesunde Lebensmittel durch gesündere ausgetauscht. Also kindgerecht und wenig drastisch. Eigentlich ein guter Weg ?

Ich nahm ab. Und das war wunderbar. Ich fühlte mich wohler und bekam Komplimente. Und das macht süchtig. Ich selbst nahm irgendwann gar nicht mehr wahr, wie viel ich abgenommen hatte. Ich sah mich selbst weiterhin als zu dick an. Mit sechzehn war ich dann im Untergewicht angekommen. Ich war ein dürrer Teenager geworden. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich bewusst beschlossen hatte immer weiter abzunehmen. Es hatte sich verselbstständigt. Mit siebzehn war ich mit 45 Kg bei 167 cm Körpergröße bei meinem niedrigsten Gewicht angekommen. Ich machte eine ambulante Psychotherapie bei einer Kinder- und Jugendpsychologin und bekam offiziell die Diagnose: Anorexia Nervosa. Magersucht. Ich selbst fand, dass das Quatsch sei. Es war natürlich kein Quatsch, sondern die Realität.

Mit der Zeit veränderte sich meine Erkrankung. Ich lernte mit knapp achtzehn Jahren meinen ersten richtigen Freund kennen und plötzlich war das Thema Magersucht irgendwie im wahrsten Sinne des Wortes gegessen. Mein Leben bekam neuen, interessanteren Inhalt und ich bekam Liebe und Anerkennung. Der Fokus rückte vom Thema Essen und Hungern ab und ich nahm mit der Zeit sogar etwas an Gewicht zu, ohne es wirklich zu bemerken. Ich war glücklich. Als ich mein erstes Studium begann, veränderte sich meine Erkrankung erneut. Ich erlitt plötzlich Essanfälle und entdeckte das Erbrechen als vermeintliche Lösung. So erschien die Bulimie in meinem Leben.

Wie meine Essstörung genau entstand und sich mit der Zeit wandelte, erzählt sie Euch in einem meiner Blogeinträge sebst.

Manchmal frage ich mich, wie es wohl gekommen wäre, wenn ich diese Bilder von meiner Konfirmation gar nicht gesehen hätte. Oder in der Lage gewesen wäre, sie komplett wertfrei und neutral zu betrachten und selbstbewusst zu sagen: „Ich bin gut so wie ich bin!“. Was, wenn ich nie den Wunsch gehabt hätte abzunehmen und meinen Körper an irgendein Schönheitsideal anzupassen? Doch damals, vor einundzwanzig Jahren bin ich in das Hamsterrad eingestiegen, aus dem ich bis heute nicht herausgekommen bin.

Das Hamsterrad.

Einundzwanzig Jahre verbringe ich nun schon damit meinen Körper verändern zu wollen. Ihn zu verbessern und optimieren zu wollen. Einundzwanzig Jahre. Das ist eine verdammt lange Zeit. Eine Zeit, in der die Themen Sport und Ernährung unglaublich viel Raum in meinem Leben eingenommen haben. Für vieles andere fehlte der Platz. Einundzwanzig Jahre, in denen ich erst magersüchtig wurde, sich aus der Magersucht eine Bulimie entwickelte und ich seit dem einem scheinbar endlosen Kampf gegen meinen Körper führe, den ich wohl nie gewinnen werde.

 

Vor Kurzem traf ich bei einem Lauf im Wald einen Bekannten. Er fragte mich, wie viele Kilometer ich denn an dem Tag laufen würde. Ich antwortete, dass ich mir eigentlich nur einen kurzen Lauf vorgenommen hätte aber es dann wohl doch zwanzig Kilometer werden würden. Er war begeistert und sagte, dass das doch toll sein. Ich stimmte ihm zu aber hätte am liebsten angefangen zu weinen. Für Außenstehende wirkt es meist ausschließlich positiv wenn man erzählt, dass man in der Lage ist spontan mal eben zwanzig Kilometer oder auch mehr zu laufen und das ohne große Anstrengung. Doch was so oft dahinter steckt, weiß keiner. Der innere Antreiber, der mich zusammen mit der Essstörung zwingt Kilometer für Kilometer zu laufen, auf dem Rennrad oder dem Cycling bike zu strampeln oder anderen Sport zu machen, um möglichst viele Kalorien zu verbrennen. Um vermeintliche Fehler beim Essen wieder gut zu machen. Und um mich nach dem Sport wenigstens nicht mehr ganz so miserabel in meinem Körper zu fühlen.

 

Natürlich ist das Laufen auch eine große Leidenschaft von mir, keine Frage. Ich liebe es mich in der Natur zu bewegen und im Wald unterwegs zu sein. Ich liebe es auch bei gutem Wetter mit dem Rennrad zufahren oder mich auch schon mal beim Hyrox auszutoben. Ich weiß, das Sport für den Körper gesund und wichtig ist und ich könnte mir ein Leben ohne Sport gar nicht vorstellen. Er ist ein Teil von mir. Doch leider existiert neben der Leidenschaft und der Freude an der Bewegung auch immer mehr ein Zwang und ein großer Druck den Sport treiben zu müssen. Auch an Tagen, an denen ich vielleicht keine große Lust dazu verspüre. Der Sport bzw. das Verbrennen von Kalorien erscheint an vielen Tagen so immens wichtig, dass ich dem alles unterordne. Der Sport muss erledigt werden. Am besten morgens, nüchtern. Zu essen, ohne an dem Tag durch Sport zusätzliche Kalorien verbrannt zu haben, fällt mir oft schwer. Mich plagt dann ein unglaublich schlechtes Gewissen. Kurioserweise sind Tage an denen ich keinen Sport mache für mich meist eh schon schlechte Tage an denen ich dann häufig in eine „jetzt ist alles egal“-Einstellung verfalle. Oft esse ich an solchen Tagen dann ungesund und erbreche hinterher.

 

Am nächsten Tag treibt mich der innere Antreiber dann wieder zum Verbrennen. Ein endloses Rennen im Hamsterrad.Es kam schon häufig vor, dass ich mit der Situation vollkommen überfordert war. Ich stand schon häufog im Flur meiner Wohnung und hatte meine Laufsachen schon an. Und ich weinte bitterlich. Weinend startete ich trotzdem meinen Lauf. Wie eine Maschine. Seit so vielen Jahren fühle ich mich wie ein Hamster im Hamsterrad, der rennt und rennt und rennt aber nie vorwärts kommt.

 

Immer wieder wende ich bei mir die selben Maßnahmen an und erhoffe mir ein anderes Ergebnis. Nach Einstein die Definition von Wahnsinn. Immer wieder nehme ich mir vor, disziplinierter zu sein und es diesmal durchzuziehen. Keine Ess-Brech-Anfälle mehr zu haben und erst recht nicht "zu viel" zu essen ohne zu Erbrechen. Immer wieder versuche ich die vermeintlichen Fehler in der Ernährung durch übermäßiges Sport treiben wieder gut zu machen. Ich versuche es nicht nur, ich muss es tun. Ich habe oft nicht das Gefühl eine andere Wahl zu haben. Das ist unglaublich anstrengend und hat mir über die Jahre immer mehr Energie geraubt.

 

Bis letztlich im Herbst 2024 keine mehr übrig war. 

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