Schreiben? Schreiben.
„Johanna schreibt die schönsten Aufsätze.“ So steht es geschrieben. In einem Buch über meine Zeit in der Grundschule. Meine Klassenlehrerin schrieb dieses Lob damals in das Buch, von dem jedes Kind beim Verlassen der Grundschule ein Exemplar erhielt. Ich war stolz und kann mich noch genau erinnern, dass mir das Texte schreiben damals, mit sechs Jahren, wirklich viel Freude bereitet hat.
Heute sitze ich achtundzwanzig Jahre später meiner hart erkämpften Psychotherapeutin gegenüber und sehe mich mit der Frage konfrontiert, was mir denn aktuell so etwas wie Freude bereiten könnte. Diese Frage irritiert mich im ersten Moment ein wenig. Ich möchte in der Therapie doch an den Ursachen meines Dilemmas arbeiten und nicht über neue Hobbys nachdenken. Das kann ich auch alleine. Aber täglich etwas zu tun sei wichtig für den Genesungsprozess, ergänzt sie. Auch wenn es nur ein paar Minuten seien. Vielleicht etwas schöpferisches, so dass ich etwas gestalten und erschaffen könne? Klingt nicht wenig herausfordernd, denn an manchen Tagen bin ich schon froh, wenn ich es schaffe durch duschen zu bewirken, dass ich nicht nach „zu lange im Bett gelegen“ rieche.
Natürlich habe ich schon gehört, dass es vielen Betroffenen hilft ihre Gefühle und Erfahrungen aufzuschreiben. In einem Tagebuch zum Beispiel. Das habe ich auch bereits versucht, doch oft fehlte mir der Antrieb. Und jeden Tag aufzuschreiben, dass ich mich traurig und wertlos fühle und mir denke, dass es auch gar nicht so dramatisch wäre, wenn mich der SUV letztens am Zebrastreifen übersehen hätte? Das fand ich ziemlich schnell ziemlich deprimierend. Irgendwann kam mir allerdings mal der Gedanke ein Buch zu schreiben. Quasi eine Art Drama-Tragik-Komödie mit etwas satirischem Einschlag. Es war mehr ein Spaß, als ich zu meinem Partner sagte, dass ich über meine Erlebnisse, Erfahrungen, meine Gefühle und eben diese ganze Scheiße eigentlich ein Buch schreiben müsse. Die Idee teilte ich dann auch meiner Psychotherapeutin mit. Sie fand, dass die Idee gut zu mir passen würde, da ich ja in allen Bereichen meines Lebens der ganz oder garnicht Typ sei. Immer die Superlative. Was anderes kommt nicht in Frage. Sie gab mir den Rat, doch mal mit kleineren Schritten zu beginnen. So kam ich auf die Idee einen Blog zu schreiben.
Der nächste Blog von einer psychisch kranken Tante, die meint in die Welt plärren zu müssen, wie schlecht es ihr geht? Klingt doch super. Sofort meldet sich der innere Kritiker zu Wort: „Wen soll das bitte interessieren? Du weißt doch gar nicht wie man sowas macht. Du kannst das nicht. Was, wenn Menschen deine Beiträge lesen und sie schrecklich finden? Oder dich anfeinden? Lass es!“. Der innere Antreiber hat Sternchen in den Augen und freut sich über ein neues Projekt bei dem er richtig Druck machen kann. Die Essstörung äußert: „Gute Idee. Wenn du schreibst kannst du in der Zeit nicht essen. Dann schaffst du es vielleicht mal wieder den ganzen Speck loszuwerden, du fette Kuh!“. Die Depression gähnt und ergänzt nur: „Das ist viel zu anstrengend. Wir sind müde. Lass uns ins Bett gehen!“. Die Panikstörung hält sich die Hände vor das Gesicht und versucht nur tief und gleichmäßig zu atmen. Das verletzte innere Kind weint und fragt: „Das kann ich nicht. Kann mich bitte jemand in den Arm nehmen?“. Der gesunde Erwachsene sitzt gefesselt und geknebelt auf einem Stuhl und versucht seine Gedanken zu dem Thema beizusteuern, vergeblich. Und das rebellische innere Kind motzt los: „Scheiss drauf! Egal was andere denken! Die können es auch nicht besser. Warum solltest du dich einschränken lassen? Du schränkst dich doch eh schon in zu vielen Bereichen ein. Das ist so unfair. Machen, MACHEN!“.
Na gut, warum nicht einfach machen? ​Könnte ja gut werden.​