Streifen verrutscht.
Einer dieser vielen dunklen Momente des letzten halben Jahres. Dieser Momente der tiefen Traurigkeit und absoluten Hoffnungslosigkeit. Ich bin erschöpft und kraftlos und kann mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal sowas wie Freude empfunden habe. Eigentlich empfinde ich nur noch diese Leere und diese Sinnlosigkeit bezogen auf einfach alles! Ich weine. Wie so oft. Warum? Das weiß ich nicht. Es gibt wie so oft keinen konkreten Grund. Es passiert einfach. Ich kann es gar nicht selbst beeinflussen. Ich falle in ein tiefes Loch, aus dem ich nicht mehr heraus kann.
Ich liege im Bett neben meinem Freund. Ein beeindruckender Mensch. Denn ich kann es absolut nicht verstehen, warum er an meiner Seite bleibt. Wo ich mich doch so verändert habe. Gefangen bin unter dieser grauen, schweren Decke der Depression, die sich über mein Leben gelegt hat und so viel verdeckt. Mich runter drückt. Wie eine dieser Gewichtsdecken, die guten Schlaf fördern sollen, indem sie sich um einen schmiegen und einen das Gefühl einer Umarmung geben. Geborgenheit. Die Decke die über mir liegt sorgt leider nicht für das wohlige Gefühl einer liebevollen Umarmung und sie sorgt auch nicht für guten Schlaf. Im Gegenteil. Meistens raubt sie mir den Schlaf und schenkt mir dafür eine ordentliche Portion Grübeln und innere Unruhe. Dazu gönnt sie mir noch das Gefühl wertlos und nicht liebenswert zu sein. Sie raubt mir meine Lebensfreude, meine Begeisterung für Dinge, meine Energie und meinen Optimismus. Und die Hoffnung schwindet, dass sich jemals irgendwas wieder ändern wird.
„Wie lange soll das noch so gehen?“, frage ich und kann die Tränen weiter nicht zurückhalten. Er nimmt mich in den Arm und sagt: „Ich helfe dir gesund zu werden. Ich mach dich gesund. Wie der kleine Bär den kleinen Tiger“. Ich verstehe erst nicht was er meint, erinnere mich dann aber an diese wunderschöne Geschichte vom kleinen Bär und dem kleinen Tiger von Janosch. In der Geschichte ist der kleine Tiger krank und muss ins Krankenhaus für Tiere. Der kleine Bär hilft dem Tiger gesund zu werden und kümmert sich liebevoll um seinen Freund. „Streifen verrutscht“, lautet die Diagnose die Dr. Brausefrosch im Krankenhaus stellt. „Vielleicht ist bei dir auch ein Streifen verrutscht.“ Wieder schafft es mein Freund mir mit seiner achtsamen, empathischen Art auch in den dunkelsten Momenten zumindest ein klitzekleines Schmunzeln ins Gesicht zu zaubern. Er ist einfach mein größter Halt in dieser schweren Zeit.
„Es sind wahrscheinlich mehrere Streifen verrutscht.“ antworte ich.

