Fast lustig, wenn es nicht so scheiße wäre.
- 13. Juli
- 3 Min. Lesezeit
Sich den Kopf über ungelegte Eier zerbrechen, ewig grübeln, in Gedankenschleifen hängen und kein Stück näher an eine Lösung kommen. Grübeln ist im Vergleich zu nachdenken null sinnvoll, habe ich gelernt. Nachdenken ist lösungsorientiert, Grübeln meinst nur negativ und deprimierend. Doof wenn man eh schon depressiv ist. Dabei ist das ewige Grübeln ein großes Talent von Menschen mit Depressionen. Es gibt ja auch so viel worüber man sich herrlich den Kopf zermartern kann. Besonders gut geht das nachts so zwischen zwei und fünf Uhr. Dann kann man voller Elan in den nächsten Tag starten. Elan, lustig. Ein bisschen befreiend und erleichternd ist es, wenn man eine Herausforderung, etwas das einen lange gequält hat und einem Sorgen gemacht hat, hinter sich gebracht hat. Es gemeistert hat.
Etwas was mir seit meiner Erkrankung extreme Sorgen macht, ist die ungewisse Zukunft in Bezug auf meinen Job. Bei längerer Erkrankung ist es normal, dass man zu einem bestimmten Medicus muss. Zur Begutachtung. Schönes Wort. Begutachtung. Man wird begutachtet und es wird geprüft wie kaputt man ist und wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass man wieder heil wird und wieder voll funktioniert. Alles normal und voll verständlich. Ätzend ist, wie das so läuft. Man bekommt irgendwann einen Brief in dem einem in steifster behördentypischster Ausdrucksweise mitgeteilt wird dass man sich schon mal darauf einstellen kann, dass es eine Begutachtung geben wird. Ok, verstanden. Und es vergehen Wochen und noch mehr Wochen und das Grübelmonster hat alle Zeit der Welt um einen verrückt zu machen. Noch verrückter als man eh schon ist. Man macht sich Sorgen, man schläft nicht, man lässt sich von dieser Ungewissheit was mit einem passieren wird noch viel tiefer ins Loch ziehen. Cool. Und dann kommt wieder Post. Immer in so besonders schönen Umschlägen, die schon ein Zittern hervorrufen, wenn man sie nur in der Händen hält. Und man liest und liest und denkt sich so: das ist doch der gleiche Text wie in dem letzten Brief. Ja, nein. Die letzten Sätze sind anders. Nachdem einem nochmal ausführlich erklärt wurde, wie lang man schon fehlt und was alles schon so gemacht und getan wurde, oder auch nicht, liest man dann: der Termin wird an Ort XY stattfinden und vom Medicus in Ort XY wird man dann Post mit dem Termin erhalten ……….. ähhh….ok. Und es vergehen Wochen. Wochen mit erneutem Grübeln und viel viel Zeit zum dramatisieren und sich wertlos fühlen und um sich immer wieder zu fragen, wie es mit einem weiter gehen wird. Und dann kommt er: der Brief mit dem Termin. Und man macht sich Gedanken. Wie wird es ablaufen? Wie schaffe ich es mit einer absolut nicht vorhandenen Belastbarkeit und im Berufsverkehr und unter unglaublichem Stress pünktlich in Ort XY zu erscheinen? Kleinigkeiten sind für mich an schlechten Tagen immernoch einfach zu viel. Und das ist keine Kleinigkeit. Es ist ne große, wichtige Sache. Ich sage mir immer wieder, dass ich es schaffen werde. Und so geschieht es auch. Termin absolviert. Ewig warten gelassen worden, immer wieder im Wartebereich zwischengelagert worden, durchgehalten, noch eben schnell den tausendsten Fragebogen zum Thema „wie depressiv bin ich?“ ausgefüllt. Fertig. Medicus aus Ort XY war sehr nett, verabschiedet mich und teilt mir mit, dass zu wenig Erfahrung in dem Gebiet vorliege und deswegen ein zweites Gutachten bei einem anderen Medicus in Auftrag gegeben werde. Weil Medicus aus Ort XY die Erfahrung in dem Gebiet fehlt….. Ich bin fassungslos. Mein Gesicht hätte ich nur zu gern gesehen. Aber mich wundert fast nichts mehr. Es beginnt also alles von vorn. Ich warte auf Post. Und es gibt wieder sehr viel Zeit zum Grübeln und um sich Sorgen zu machen. Und um sich zu fragen, wie es wohl mit mir weiter gehen wird…
Ich frage mich, warum man eine Person mit einer psychischen Erkrankung zu einem Medicus gehen lässt, bei dem nicht genug Erfahrung vorhanden ist. Warum mutet man ihr dieses ganze Prozedere, diese große Belastung ein zweites Mal zu? Eigentlich sollte mich nichts mehr wundern. Es passt irgendwie ins Bild. Ich glaube es ist vielleicht auch naiv und töricht zu erwarten, dass in diesem ganzen Prozess irgendwo Rücksicht auf die Befindlichkeiten einer einzelnen, erkrankten Person genommen wird. Das Thema psychische Erkrankungen ist einfach immernoch kein Thema mit genug Bedeutung und mit zu wenig Verständnis für Betroffene. Mein Fehler.
Also hier sitze ich und grübele und frage mich wie lange es wohl dauern wird, bis ich wieder Post bekommen werde. Vier Wochen? Acht Wochen? Ein halbes Jahr? Ein Jahr? Nichts ist unmöglich…. Toyota. Ach nein. Sorry. Ich bin schon etwas müde. Aber schlafen ist heute mal wieder nicht. Denn es wird gegrübelt….
Schlaft gut.
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