top of page

Bonusmaterial.

  • jpfuetzenreuter2
  • 13. Aug.
  • 4 Min. Lesezeit

Isolation und exzessives Kaufverhalten, sowie Probleme mit dem lieben Geld. Noch mehr Kacke? Im Ernst? Es sind eher unschöne Add-ons. So Bonusmaterial, die B-Seite. Quasi eine Zugabe. Dinge, die aus der Essstörung und der sich anbahnenden Depression entstanden sind. Einfach beschissenes Beiwerk.


Neben den Themen Essen, nicht Essen und Sport gab es in den letzten Jahren nicht viel Inhalt in meinem Leben. Wenn ich das jetzt so schreibe, merke ich, wie traurig mich das macht. Es gab natürlich noch die Arbeit, klar. Aber vor der Polizei bestand meine Arbeit als Fitnesstrainerin und Ernährungsberaterin auch nur aus Sport und Ernährung. Lustig, oder? Was ein Zufall…


Kreist man so sehr um sich selbst und existiert nur noch in seinem eigenen engen, kleinen Kosmos, stellt man sich mehr und mehr ins Abseits. Das ist mir mit der Zeit zwar aufgefallen aber ich war einfach nicht in der Lage daran etwas zu ändern. Immer weniger nahm ich an Treffen mit Freunden teil, weil diese oft etwas mit Essen zu tun gehabt hätten oder ich dafür auf den Sport hätte verzichten müssen. Und das war nicht möglich. Unvorstellbar! Spontanität gleich null. Denn ich war, bis die Depression mich im letzten Jahr übermannte, in meinen Abläufen ziemlich gefangen.


Irgendwann wenden sich die Menschen dann von dir ab, weil sie die Gründe nicht kennen und dich einfach seltsam und wenig sozial finden. Ganz die Kämpferin die ich immer war, dachte ich, dass ich auch niemanden bräuchte. Ich hatte ja meinen Sport und meine Essstörung. Und die waren verlässlich immer für mich da.


Als Add-on zu der Essstörung gab es für mich also noch die wachsende Isolation. Gefangen in meine Hamsterrad in dem ich rannte und aus dem ich nicht ausbrechen konnte. Eigentlich wie ein Gefängnis.


Vor Kurzem habe ich gelesen, dass Menschen mit einer Essstörung häufig auch ein zwanghaftes Kaufverhalten aufweisen. Eine Studie hat wohl ergeben, dass circa vierzig Prozent der Menschen mit Bulimie eine Prävalenz für zwanghaftes Kaufen haben (Black, D. W. (2007)). Andere Studien ergaben, dass das gemeinsame Auftreten einer Essstörung und zwanghaftem Kaufverhalten etwas mit einem fehlenden Selbstwert der Betroffenen zu tun hat. Über das vermehrte Kaufen, soll dieser verbessert werden. Ein positives Gefühl wird durch das Kaufen angestrebt (Zhao, Y., Zhao, G., Gao, X., Liu, Y., Wang, S., & Chen, S. (2022)). Klingt ja auch logisch. Kauft man sich schöne Dinge, macht das erstmal happy. Kurzfristig wird Dopamin ausgeschüttet und man fühlt sich besser, egal wie mies es einem eigentlich geht. Langfristig geht es einem allerdings nicht besser, erst recht nicht, wenn man nicht im Reichtum schwelgt. Ähnlich wie bei einem Ess-Brech-Anfall, bei dem man Unmengen vermeintlich glücklich machende Lebensmittel verschlingt und sie dann wieder erbricht, merkt man beim Kaufen auch erst im Nachhinein, dass das Glück nur kurz währt. Denn wenn man immer häufiger mit seinem Geld nur knapp auskommt und am Monatsende auch schon mal in den Dispo schliddert, spätestens dann ist das Glücksgefühl dahin. Versteht mich nicht falsch, meine Wohnung ist nicht bis unter die Decke voll mit Kartons, in denen sich Zeug befindet, das ich gekauft habe. Es sind Phasen, in denen ich das Verlangen habe mir etwas zu gönnen. Es ist dann so, als würde ein Schalter in meinem Kopf umgelegt, ähnlich wie bei einem Ess-Brech-Anfall und dann muss ich die Sachen haben. Onlineshopping macht’s möglich.


Was natürlich auch ins Geld geht, sind die Lebensmittel, die man vor einem Ess-Brech-Anfall einkauft. Viel Geld, was am Ende wirklich im Klo landet. „Das ist doch bescheuert! Was für eine Geldverschwendung. Dann iss die Sachen doch einfach nicht, dann musst du sie auch nicht erbrechen!“, so mögen einige denken. Es handelt sich bei der Erkrankung allerdings um eine Suchterkrankung. Deswegen heißt sie auch Ess-Brech-Sucht. Und einer erkrankten Person zu sagen, sie soll es doch einfach lassen, ist ungefähr so, als würde man einem Drogenabhängigen sagen er soll doch einfach keine Drogen mehr nehmen. Super Tipp!


Ich habe gelesen, dass sowohl die Bulimie als auch das exzessive Kaufen etwas mit Impulskontrollproblemen und Problemen mit der Emotionsregulation zu tun haben können. Betroffene fühlen Erleichterung durch das Kaufen oder einen Ess-Brech-Anfall. Das gleiche Verhalten wird immer wieder angewandt, trotz der negativen Konsequenzen (Mueller, A., Mitchell, J. E., Crosby, R. D., Gefeller, O., Faber, R. J., Martin, A., Bleich, S., Glaesmer, H., Exner, C., & de Zwaan, M. (2011)). Bescheuert, oder?


Ich habe schon Schulden bei meiner Familie machen müssen, aufgrund von uneingeplanten größere Ausgaben, wie beispielsweise wegen einer kaputten Waschmaschine oder einer Reparatur am Auto. Das ist mir unglaublich unangenehm. Ich fühle mich wie eine Versagerin, die ihr Leben nicht im Griff hat. Es ist mir peinlich, denn mit 34 sollte man seine Finanzen doch managen können, oder?


Zusätzlicher Ballast den mir die psychischen Erkrankungen mit der Zeit beschert haben und der das Ganze nicht einfacher macht, sondern für mehr Traurigkeit und Verzweiflung sorgt. „Mimimi“ mögen jetzt einige denken. Ja, mimimi!


„Das ist doch ganz klar selbstgemachtes Leid! Einfach nichts mehr kaufen!“, das werden jetzt vielleicht einige denken. Und das mag schon sein. Doch solche Verhaltensmuster zu ändern kann sehr schwer sein, erst recht wenn man unter psychischen Erkrankungen leidet.


Mich würde interessieren, ob es unter meinen Lesern und Leserinnen auch andere Betroffene gibt? Ich würde mich sehr gerne darüber austauschen.


Quellen:


Black, D. W. (2007). A review of compulsive buying disorder. CNS Spectrums, 12(2), 124–132.


Mallorquí-Bagué, N., Lozano-Madrid, M., Granero, R., Mestre-Bach, G., Steward, T., Fernández-Aranda, F., & Jiménez-Murcia, S. (2021). Behavioral addictions and eating disorders: A systematic review and meta-analysis. Frontiers in Psychiatry, 12, 724034.


Mueller, A., Mitchell, J. E., Crosby, R. D., Gefeller, O., Faber, R. J., Martin, A., Bleich, S., Glaesmer, H., Exner, C., & de Zwaan, M. (2011). Estimated prevalence of compulsive buying behavior in Germany and its association with sociodemographic characteristics and depressive symptoms. Psychiatry Research, 180(2–3), 137–142.


Rodríguez-Villarino, M., Martínez-Loredo, V., & Fernández-Artamendi, S. (2023). Compulsive buying and body image: A gender-sensitive systematic review. Journal of Behavioral Addictions, 12(2), 310–326.


Zhao, Y., Zhao, G., Gao, X., Liu, Y., Wang, S., & Chen, S. (2022). Trait anxiety and compulsive buying: The mediating role of self-esteem. International Journal of Environmental Research and Public Health, 19(23), 16245.

 
 
 

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
Ciao Selbstwert.

Ich lehne mich ab. Komplett. Ich weiß nicht mehr, was an mir noch attraktiv oder liebenswert sein soll. Denn ich lehne nicht nur mein Äußeres komplett ab, was die Depression so stark verändert hat, so

 
 
 
Gefangen.

Kennt ihr das? Ihr wacht morgens auf und merkt, ok es ist wieder schlimmer. Ein Gefühl von Taubheit. Irgendwie wirst du gar nicht richtig wach, bist nicht ganz da. Stehst neben dir. Oder liegst eher n

 
 
 
Diese acht Falten.

Acht Stück. Eins, zwei, drei, vier… und so weiter. Acht Stück. Acht Falten im Vorhang. Beziehungsweise in den zwei Vorhängen in meinem Schlafzimmer vor den Fenstern. In den Verdunkelungsvorhängen. Ver

 
 
 

Kommentare


bottom of page