Da muss ich kotzen.
- jpfuetzenreuter2
- 15. Aug.
- 5 Min. Lesezeit
Und das ganz ohne vorher Müll zu futtern. Sondern bei manchen Sätzen die ich in den letzten Monaten so gehört habe.
Ich glaube, dass die meisten Menschen nicht wissen wie sie damit umgehen sollen, wenn ihr gegenüber eine psychische Erkrankung hat. Sie wissen vielleicht nichts über diese Erkrankung oder nur die Standard Klischee Dinge, die man so kennt. Aus dem Internet oder vom Hörensagen. Vielleicht kennen sie auch nicht die ganze Geschichte der erkrankten Person. Oder sie sind einfach dumm. Das kann natürlich auch immer sein. Denn bei manchen Kommentaren, die ich mir schon anhören musste, hätte ich mir am liebsten nur noch an den Kopf gefasst oder wär einfach weggegangen. Das kommt aber nicht immer gut an und leider scheint unter der Depression auch ein wenig meine Schlagfertigkeit zu leiden, weswegen ich immer erstmal kurz in den Freeze Modus verfalle wenn ich einen unglaublich dummen und unpassenden Kommentar in Bezug auf meine Erkrankung höre. Beispiel gefällig?
„Depressionen? Nein, das glaube ich nicht. Du siehst gar nicht so depressiv aus. Das ist bestimmt nur eine Phase. Das geht vorbei.“- ein Klassiker, den bestimmt schon einige Menschen mit Depressionen hören mussten. In der Vorstellung mancher Menschen scheint immernoch das Bild zu existieren, dass eine Person die Depressionen hat durchgängig weint, traurig auf den Boden schaut oder den ganzen Tag im Bett liegt. Ja, ich kann nur für mich sprechen aber es gibt Tage, an denen es mir weiterhin schwer fällt mein Bett zu verlassen. Und ja, ich weine immernoch ganz plötzlich und kann nicht sagen wieso. Und ja, ich gucke sicherlich auch mal traurig oder habe einen leeren Blick. Weil das Gefühl der Leere meistens da ist. Aber wenn das gerade nicht der Fall ist, dann bedeutet das nicht, dass ich nicht unter Depressionen leide. Dann bedeutet es, dass ich vielleicht einen für meine Verhältnisse guten Tag habe. Dass ich die Kraft hatte meine Wohnung zu verlassen und dass ich vielleicht gerade nicht im Dunkeln gefangen bin, wie es sonst so häufig der Fall ist.
Die Menschen meinen es bestimmt nicht böse, wenn sie sowas sagen aber es kann bei der betroffenen Person zu Unsicherheit führen und sie tief verletzen, denn sie verharmlosen echtes psychisches Leid.
Wie ein Mensch nach außen wirkt, sagt nichts darüber aus, wie es ihm wirklich geht. Man kann ihm nicht ansehen mit was er zu kämpfen hat. Schaut euch viele Prominente an, die auch an Depressionen leiden oder gelitten haben. Hätte man es bei ihnen immer gedacht?
„Essstörung? Iss doch einfach normal!“ - Wow! Ein echter Knaller. Das lustige ist, dass mir das mal ein Arzt gesagt hat, dem ich mich vor ein paar Jahren anvertraute. Mir ist alles aus dem Gesicht gefallen. Wenn die Lösung nur so einfach wäre. Ich kann hier wieder hauptsächlich aus meiner Erfahrung berichten aber ich denke, dass es für eine essgestörte Person absolut nicht möglich ist sich einfach normal zu ernähren. Einfach von heute auf morgen umzuschalten und all die eingefahrenen, zwanghaften Verhaltensmuster über Bord zu werfen. Und was bedeutet schon normal? Non-stop kreisen die Gedanken um die Themen Essen, Kalorien, Kalorien verbrennen, Gewicht, Körperbild. Und das ist nicht schön, sondern echtes Leid. Ein Kampf. Den man nie gewinnen kann. Diesen von heute auf morgen beenden zu können, wäre schön. Ist aber nicht möglich.
Solche Sätze können dazu führen, dass sich die erkrankte Person wie eine Versagerin vorkommt. Denn wenn die Lösung so einfach ist, warum habe ich es dann noch nicht geschafft? Das Leid wird durch diesen Satz verharmlost und man fühlt sich nicht ernst genommen. Besonders dann nicht, wenn man ihn von einem Arzt hört, von dem man sich Hilfe gewünscht hätte.
„Atme einfach mal tief durch, dann wird das schon wieder!“. Eine Depression hat nichts damit zu tun, dass man einfach nur ein bisschen zu viel Stress hat, den man mit Atemübungen bekämpfen kann. Sicherlich kann bewusstes, tiefes ein- und ausatmen gegen eine gewisse Unruhe helfen und helfen sich zu entspannen aber es ist sicherlich nicht Behandlungsform Nummer eins bei einer Depression. Es wird nicht einfach wieder! Denn dafür braucht es Therapie und Zeit und andere Maßnahmen aber sicherlich nicht simples ein- und ausatmen. Als ich den Satz gehört habe, habe ich mich fast schon verarscht gefühlt. Ich dachte, dass die Person es doch nicht ernst meinen kann. Doch, sie meinte es genau so. Ganz nach dem Motto „Zeit heilt alle Wunden“. Aber manche Wunden sind so tief, dass Zeit nunmal nicht ausreicht.
„Dir fehlt ein bestimmtes Vitamin, ganz klar! Dann kann dein Körper die Belastungen alle viel besser verkraften und dann entsteht gar keine Depression.“ Dieses Statement durfte ich mir von einer Person anhören, die mich gar nicht kennt. Null. Meine gesamte Geschichte ist ihr unbekannt. Aber als sie hörte, dass ich unter Depressionen litt, war ihr klar, dass diese mit der Supplementierung eines Vitamins zum einen verschwinden würden und auch gar nicht erst entstanden wären, hätte ich daran keinen Mangel. Uff.
Ich glaube schon, dass gewisse Nährstoffe für die psychische Gesundheit wichtig sind. Ganz bestimmt. Aber ich denke nicht, dass man verallgemeinert sagen kann, dass jeder eine Depression bekommt, der einen Mangel an ihnen hat. Ich denke, dass die individuelle Geschichte der Person, ihre Erfahrungen, ihre Lebenssituation und Vorbelastungen doch etwas mehr Einfluss haben. In meinem Fall glaube ich da zumindest sehr stark dran. Außerdem gehört es zum Standard Programm, dass ein großes Blutbild gemacht wird, wenn man sich seinem Hausarzt / seiner Hausärztin anvertraut. Bei mir waren alle Werte super. Diese Aussage hat mich nicht verletzt, sondern wütend gemacht. Ich empfand es als total übergriffig, da die Person mich und meine Geschichte einfach nicht kannte.
„Stell dich nicht so an, jeder ist mal traurig!“. Ja, das kann schon sein. Aber eine Depression bedeutet nicht nur traurig sein. Traurig sein ist wie wenn man sich bei Netflix einen schlechten Film ausgesucht hat, weil die Bewertung mal wieder gelogen hat. Blöd, geht aber recht schnell vorbei. Eine Depression ist dann eher wie eine endlose Aneinanderreihung von schlechten Filmen. In Zeitlupe abgespielt und mit richtig schlimmer Filmmusik. Traurig sein hat auch meist einen konkreten Grund. Dieser fehlt wenn du Depressionen hast. Du kannst nicht sagen, warum du weinst. Und dazu kommen noch die vielen anderen ätzenden Dinge, wie die Antriebslosigkeit, Hoffnungslosigkeit, die fehlende Energie, die fehlende Belastbarkeit, die Leere, die Unfähigkeit echte Emotionen zu fühlen. Man kämpft sich von Tag zu Tag und es ist wie ein Schlag ins Gesicht wenn man dann so einen Satz hört. Das Leid wird verharmlost und man fühlt sich nicht ernst genommen.
Ich würde mir wünschen, dass die Menschen mehr Rücksicht nehmen würden. Und dass sie sich bewusst darüber sind, dass ihre Aussagen eventuell sehr verletzen können und zu Unsicherheit führen können. Nehmt die betroffenen Personen ernst, seid für sie da, hört zu. Gebt Raum, ohne Ratschläge zu geben. Und urteilt nicht. Das wäre schön.
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