Monsterparty: Die Essstörung.
- jpfuetzenreuter2
- 5. Aug.
- 5 Min. Lesezeit
Hey Du, Ich bin’s, deine alte Freundin. Deine Gefährtin seit ungefähr einundzwanzig Jahren. Wann genau ich an deine Seite getreten bin ist schwer zu sagen. Ich bin mehr so nach und nach erschienen, hab mich in dein Leben geschlichen und bin mit der Zeit sichtbarer geworden. Eine Zeit lang wolltest du mich gar nicht wahr haben. Hast mich verleumdet. Damals war mein Name Anorexia Nervosa. Oder auch einfacher: Magersucht. Du warst vierzehn Jahre alt als du beschlossen hast abzunehmen. Du fandest dich zu dick. Und das warst du auch, wenn du mich fragst. Mit sechzehn warst du dann so unglaublich diszipliniert und ganz auf mich fokussiert. Durch mich hast du Aufmerksamkeit bekommen, warst besonders. Und sahst so viel besser aus.
Nach und nach habe ich immer mehr Raum in deinem Leben eingenommen. Habe dafür gesorgt, dass du dich den ganzen Tag beschäftigt gehalten hast um nicht zu essen. Wenn deine Mutter das Mittagessen gekocht hat, hast du dabei gestanden und penibel kontrolliert, dass bloß kein Fett in das Essen kommt. Wenn dir das Essen nicht gepasst hat, dann hast du dein eigenes Essen gekocht. Du musstest die Kontrolle haben. Ich habe für jede Menge Sorgen und Streit in deiner Familie gesorgt. Wie besorgt deine Eltern waren. Armes Kind. Warum isst sie so wenig? Sind wir schuld? Eine ambulante Psychotherapie solltest du machen. Du hast nicht verstanden wozu das gut sein sollte. Krankheitseinsicht? Nö! Aber du bist hingegangen. Mit dem Bus nach Düsseldorf gefahren. Und was waren deine Gedanken dazu? Juhu, ein zusätzlicher Programmpunkt der dich vom Essen abhält. Super. Richtig kranke Gedanken! Richtig gut, wie ich finde. Du erinnerst dich vielleicht an die Aussage eines Freundes deiner Mutter: „Johanna, ich müsste für meine Gesundheit zehn Kilo abnehmen und du müsstest die Kilos dann für deine Gesundheit zunehmen.“ Lieb gemeint. Der hatte ja keine Ahnung. Zunehmen? Auf gar keinen Fall! Du hast dich nicht als zu dünn angesehen. Im Gegenteil. Du fandest dich immernoch zu fett. Auch mit 45 kg. Es lebe die Körperschemastörung. Eine deiner Lehrerinnen glaubte damals auch ihren Senf dazu geben zu müssen, erinnerst du dich? Vor der ganzen Klasse äußerte sie bei deinem Anblick: „Wow, das ist aber auch ganz schön magersüchtig!“. Vor allen Mitschülern. Solche Sätze brennen sich ein. Erinnerst du dich noch an deine eine Schulfreundin? Die war genauso drauf wie du. Ihr habt euch immer verglichen. Geschaut wer dünner ist und weniger wiegt. Ihr wolltet so dünn sein wie die It-Girls von damals. Zu dem Zeitpunkt war ich schon ein gutes Jahr an deiner Seite.
Als du ungefähr achtzehn Jahre alt warst habe ich dich eine Zeit lang verlassen. Warum? Das kann ich gar nicht genau sagen. Du hast deinen ersten richtigen Freund kennengelernt und die ganze Bestätigung und Aufmerksamkeit die er dir gegeben hat, hat mich irgendwie verdrängt. Essen wurde immer nebensächlicher. Sicherlich hattest du weiterhin kein „normales“ Verhältnis zum Essen. Aber hey, was ist schon normal? Du hast ein bisschen Gewicht zugenommen aber das ist dir gar nicht so bewusst gewesen. Zu der Zeit hast du auch wieder vermehrt Sport getrieben. Als dürres Ding ging das ja nicht. Da warst du zu kraftlos und erschöpft. Mit achtzehn warst du wieder oft laufen und hast Spinning Kurse besucht. Warst stolz, als du zum ersten Mal zwei Spinning Kurse hintereinander geschafft hast. So viele verbrannte Kalorien. Wow, das war schon irgendwie wieder ein gutes Gefühl. Ein Gefühl was du immer häufiger haben wolltest. Wieder mehr essen, dafür aber auch immer mehr Sport.
Nach dem Abitur hast du ein Jahr gejobbt und dann dein duales Studium mit dem Studiengang „Fitnesstraining“ begonnen. Der Einstieg in die oberflächliche Fitnesswelt. In dieser Welt drehte sich dann alles nur noch um das Aussehen. Zu der Zeit bin ich wieder zurück in dein Leben getreten. Aber ich änderte nach und nach meinen Namen. Der neue Name lautete Bulimia Nervosa. Auch als Bulimie oder Ess-Brech-Sucht bekannt. Denn immer häufiger konntest du deine vermeintlich gesunde, kalorienarme Ernährung nicht durchhalten, verlorst die Kontrolle und hattest Essanfälle. Du begannst nach dem Essen zu erbrechen, um die Kalorien wieder loszuwerden. Eigentlich doch eine gute Lösung oder?
2014 hast du dein Studium abgeschlossen und drei Jahre in der Fitnessbranche gearbeitet bevor du 2017 dein Studium bei der Polizei NRW begonnen hast. Eine sehr anstrengende und stressige Zeit inklusive mehrere Praktika auf Streife mit Schichtdienst. Ich blieb die ganze Zeit an deiner Seite. Als Ventil für den Stress, als Konstante in einer Zeit in der so viel neu war. Eine ganz neue Belastung. Drei Jahre später hast du dann auch das Studium erfolgreich abgeschlossen. Dein Alltag bestand nur noch aus Sport, Arbeit und Schlafen. Ich habe dir keinen Platz für viele soziale Kontakte gelassen. Viele Unternehmungen mit Freunden oder Kollegen wären mit Essen verbunden gewesen und du musstest dich an deinen Ernährungsplan halten. Keine Dienstgruppenfahrt, kein gemeinsames Frühstück im Frühdienst, kein gemeinsames Getränk nach Feierabend. Aus Angst etwas essen oder trinken zu müssen, was nicht in deinen Plan gepasst hätte. So wurdest du zu der, die sich immer gesund ernährt und ihr vorgekochtes Essen dabei hat. Die, die so viel Sport macht. Die die so viel läuft. Ein Halbmarathon vor dem Spätdienst? Gar kein Problem. Dass damit aber die Fressattacke vom Vorabend korrigiert werden musste, musste ja keiner wissen.
Die Angst zuzunehmen und der ständige Wunsch den Körper an irgendein Ideal anzupassen wuchsen immer mehr. Immer häufiger hast du versagt und hast Unmengen an ungesundem Scheiß in dich reingestopft, um danach dann ewig über der Toilette zu hängen. Wie im Wahn. Undisziplinierte Versagerin. Wenn du dich richtig unwohl gefühlt hast, dann hast du auch mal sieben bis zehn Tage gar nichts gegessen. Heilfasten. Gilt ja als gesund. Haha. Und das Beste daran: Einfach nicht über Essen nachdenken zu müssen. Denn das tust du sonst 24/7. Manchmal kamen dann wieder die Gedanken auf, dass das Hungergefühl doch eigentlich was Gutes ist. Sich leer und dünn zu fühlen. Aber länger als zehn Tage hast du natürlich wieder nicht durchgehalten.
Ich blieb an deiner Seite und du bist mich bis heute nicht losgeworden. Man könnte meinen, dass du das auch gar nicht willst. So lange bin ich schon an deiner Seite. Ein Teil von dir. Eine vermeintliche Lösung. Oft bringe ich dich zur Verzweiflung. Ich lasse dich weinen und innere Panik fühlen, wenn du im Sommer zum Beispiel die Entscheidung treffen sollst, ob du ein leckeres Eis isst oder doch lieber nicht. Denn eigentlich liebst du Süßigkeiten und gutes Essen. Und du würdest sooo gerne das Eis essen. Aber es sind so viele Kalorien. Erbrechen hilft, ich bin für dich da.
Oft stehst du morgens vor dem Spiegel und drehst dich hin und her. Du fixierst die Bereiche an deinem Körper, die du so richtig abstoßend findest. Ich sorge dafür, dass dein Körper dir dann richtig massig erscheint. Naja, die Körperschemastörung sorgt dafür. Aber die ist ein Teil von mir. Oft lehnst du dich selbst so sehr ab, dass du dich am liebsten nur verkriechen würdest. Du weinst so oft und bist häufig so verzweifelt. Alles hängt für dich davon ab, wie dein Körpergefühl ist. Es ist einfach so verdammt wichtig!
Du rennst und rennst und kämpfst und kämpfst und kommst doch nie an. Wo auch immer sich dein Ziel befindet…
Seit die Depression in dein Leben getreten ist, habe ich mich wieder etwas verändert. Die Depression schafft es dir den Antrieb für den Sport häufig zu nehmen und dich regelrecht zu lähmen. Keine verbrannten Kalorien - nicht gut! Dann wieder übermäßiger Sport aus innerer Unruhe und weil ich dir ein schlechtes Gewissen mache. Manchmal überschattet mich auch ein Gefühl der Gleichgültigkeit. Du bist es leid dich mit Essen zu beschäftigen, tröstest dich auch oft einfach mit dem Essen auf das du Lust hast. Egal wie ungesund. Alles ist irgendwie anderes seit die Depression die Oberhand hat. Aber ich gebe nicht auf und kämpfe noch oft mit ihr. Keine Sorge, ich bin immernoch für dich da. Deine alte Freundin.
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