So viel mehr.
- jpfuetzenreuter2
- 21. Aug.
- 2 Min. Lesezeit
Zwölf Uhr mittags. Ich liege im Bett. Ich kann nicht aufstehen, bin wie gelähmt. Mein Körper ist schwer wie Blei und meine Gedanken so dunkel wie das Innere eines Kühlschranks wenn die Tür zu ist. Ich hab lange geschlafen. Verständlich, denn gestern Abend beziehungsweise letzte Nacht musste ich wieder mit Benzos nachhelfen, um meinen Kopf dazu zu bringen endlich die Schnauze zu halten. Um endlich schlafen zu können.
Ich fühle in mich hinein. Suche nach Energie, nach Antrieb, nach Kraft. Erfolglos. Nichts zu finden. Null. Ich fange an zu weinen. Einfach so. Es läuft einfach aus meinen Augen. Ich habe manchmal das Gefühl, meine Tränen sind mir einen Schritt voraus. Sie laufen schon mal los, wenn ich noch nicht vollkommen realisiert habe, wie düster die Gefühlslage mal wieder ist. Vielleicht weil das in letzter Zeit wieder vermehrt Phase war. Ich wollte doch heute mal wieder einen besseren Tag haben. Etwas Energie haben, wieder Sport machen. Den Kampf gegen meinen ekelhaften Körper mal wieder aufnehmen. Zum zig tausendsten Mal. Ich sehe die gesamte Woche schon im dunklen Sumpf untergehen. Ich dachte die zweite Hälfte könnte besser werden. Nun schwindet die Hoffnung schon wieder. Donnerstag und keine Kraft aufzustehen.
Aber in der Küche gibt es Kaffee und mein Antidepressivum. Zwei Upper gegen den Downer der noch nachwirkt. Top. In die Küche schaffe ich es und von dort ins Wohnzimmer. Ich setze mich auf die Couch. Streichle meinen Kater, trinke meinen Kaffee und versinke in einer Abwärtsspirale. In meinem Kopf tobt ein Krieg. Depression gegen Essstörung und Antreiber. Kraftlosigkeit, Erschöpfung, Müdigkeit, Gleichgültigkeit und Freudlosigkeit gegen die Ansprüche an mich selbst und mein Äußeres, das schlechte Gewissen faul und undiszipliniert zu sein und die Scham nicht mehr die zu sein, die ich noch vor elf Monaten war. Die Kombi ist einfach beschissen.
Klingt jetzt vielleicht doof, aber manchmal wünsche ich mir ich hätte „nur“ die Depression. Nur ihre Symptome. Denn die gehen so gar nicht Hand in Hand mit den Symptomen der Essstörung und dem ständigen Zwang Kalorien zu verbrennen. Dem ich so oft nicht nachkommen kann. Und das lässt mich zusätzlich verzweifeln. Hat man nämlich null Antrieb und null Energie und null Kraft, dann verbrennt man wenig, wenn man nur da sitzt und ins Leere schaut. Und dieser innere Kampf macht mich fertig.
Ich glaube, dass viele das Ausmaß des Leids nicht fassen können. Es nicht nachvollziehen können. „Ach, dann hattest du heute keine Lust Sport zu machen oder überhaupt etwas zu unternehmen? Ist doch nicht schlimm. Wird schon wieder.“. „Jedem fehlt mal die Motivation.“ Es ist nicht so, als wolle ich nichts machen. An solchen Tagen beziehungsweise in solchen Phasen KANN ich nichts machen, weil ich nicht in der Lage dazu bin. Weil alles zu viel für mich ist. Weil der Akku wieder vollständig entladen ist und ich das passende Ladekabel nicht finden kann. Es ist so viel mehr als nicht zu wollen oder mal nicht motiviert zu sein. Es ist so viel mehr. So viel mehr Kampf und so viel mehr Leid. Doch leider habe ich häufig das Gefühl, nicht verstanden zu werden.
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