Stammtisch.
- jpfuetzenreuter2
- 7. Aug.
- 4 Min. Lesezeit
„Leute, so geht’s nicht weiter! Schaut sie euch an, sie wird immer fetter und fauler. Ekelhaft!“, eröffnet die Essstörung das Gespräch beim Stammtisch der aktuell lautesten Monster. „Das sehe ich genauso. Ich mache ihr durchgängig ein schlechtes Gewissen und quäle sie mit dem Gefühl des Versagens aber sie hat sich so verändert. Sie hört nicht mehr auf mich. Und das tut ihr nicht gut. Sport ist doch Teil ihrer Identität. Denkt an ihr sportlich erfolgreichstes Jahr 2024. Bestzeiten auf allen Distanzen, erster Marathon, beim Hyrox mega erfolgreich. Alles mein Verdienst!“, stimmt der innere Antreiber zu. Die Depression erwidert daraufhin: „Sie kann zur Zeit nicht auf dich hören und soll sie auch nicht. Ihr beide habt sie so viele Jahre gequält. Das war bestimmt mit ein Grund dafür, dass ich überhaupt auf den Plan getreten bin, um dem endlich mal ein Ende zu setzen. Also lasst sie in Ruhe. Ich bin jetzt hier die Nummer eins.“. „Die Nummer eins? Du? Ich war und bin weiterhin die Nummer eins in ihrem Leben. Ich war immer für sie da. Wenn sie jetzt weiter auf dich hört und weiter so wenig Antrieb hat und sich so hängen lässt und sich mit Essen tröstet, dann wird sie ihre gute Figur verlieren und die ist das Wichtigste überhaupt. Es kommt nur auf das Äußere an!“. Die Essstörung wird langsam sauer und der innere Antreiber nickt nur stumm. „Ihr Leben ist doch eh leer und sinnlos. Was gibt es denn überhaupt in ihrem Leben wofür es sich zu leben lohnt?“, fragt die Depression. „Sport, Diät, Leistung…“, setzt die Essstörung zu einer Antwort an, wird aber unterbrochen. „Das kannst du doch nicht ernst meinen du Terroristin! Es gibt doch auch ihren Partner und ihre Familie und ihren Kater. Und bald bekommt sie einen Hund. Einen süßen Welpen. Außerdem hat so so viele wundervolle Eigenschaften und Talente.“, erwidert der gesunde Erwachsene. „Ach, halt die Klappe, du hast zur Zeit gar nichts zu sagen!“, schimpft die Essstörung und ergänzt: „All die tollen Eigenschaften helfen ihr aber nicht, wenn sie sich unwohl in ihrem Körper fühlt. Dann überschattet das alles. Das hat sie von mir. Toll, oder?“. Die Depression ist verärgert und erwidert: „Von wegen toll! Ich hab den Stecker gezogen und jetzt muss sie gucken, wie sie aus dem dunklen Loch wieder herausfindet. Anderen Lebensinhalt suchen. Neu denken. Sie soll ruhig noch eine lange Zeit rumliegen und nichts tun. Und weinen. Ein bisschen weinen hat noch nie jemandem geschadet.“. Die Depression lehnt sich zufrieden zurück. „Ein bisschen? Sie weint ständig. Ohne Grund. Das bricht mir das Herz. Das hat sie nicht verdient. Sie ist ein liebenswerter Mensch!“, sagt der gesunde Erwachsene. „Mit einem ekelhaften, fetten Körper!“, meldet sich die Essstörung wieder zu Wort. „Der Antreiber und ich, wir werden nicht locker lassen. Irgendwann wacht sie auf und kommt aus ihrem depri Loch und dann stellt sie fest, dass sie fett geworden ist und keinerlei sportliche Leistungsfähigkeit mehr hat und dann wird es umso schlimmer für sie!“. „Und was soll ihr Freund denn dann tun? Der wird sich bestimmt eine andere Frau suchen. Ich frage mich eh, was er mit der traurigen, antriebslosen Freundin noch will. Bald wird er sie verlassen. Da bin ich mir sicher!“, meldet sich die Eifersucht zu Wort. „Oh nein! Bitte nicht! Das überlebt sie nicht! Sie liebt ihn doch so sehr.“, schluchzt die Verlustangst. „Doch, doch! Jede Frau ist zur Zeit begehrenswerter als sie. Sei doch mal realistisch. Auf so eine Psycho-Tante hat doch kein Mann Lust!“ Die Eifersucht ist sich ihrer Sache sehr sicher. „Bitte, bitte nicht!“. Der Verlustangst laufen die Tränen über die Wangen und die Eifersucht kichert selbstgefällig. „Ja, die Eifersucht hat recht. Begehrenswert ist sie zur Zeit nicht, was wohl mein Verdienst ist.“, räumt die Depression ein. „Aber es kommen ja auch wieder bessere Zeiten.“ Der gesunde Erwachsene versucht seinen Optimismus nicht zu verlieren. „Langsam müsste sie mit der Therapie aber mal voran kommen. Das gefällt mir nicht. Das könnte schneller gehen. Dieses ewige krank sein. Nicht gut!“, erklärt der innere Kritiker und richtet seine Brille. „Ich notiere mir mal ein paar Punkte, die verbessert werden müssen: Wieder Ziele verfolgen, wieder aktiver sein, die Optik endlich mal perfektionieren, Freunde finden und und und… Ganz schön viel Arbeit.“. „Hast du nicht verstanden, dass sie erstmal gar nichts mehr kann? Verzieh dich!“, beschwert sich die Depression. Und ergänzt: „Daran wird sich auch so schnell nichts ändern.“. „Tja, dann wird sie fett. Dann ist wohl mal wieder ne Woche gar nichts essen angesagt.“, die Essstörung zuckt mit den Schultern und grinst. „Gar nichts essen? Hast du nen Knall du dürre Tussi? Sie will essen worauf sie Bock hat und in rauen Mengen! Sie will sowieso nur noch machen worauf sie Bock hat. Soooo lange gab es nur Einschränkungen und null Spaß. Zero! Das ist alles einfach nur unfair! Und sie hasst es sich unfair behandelt zu fühlen. Also let‘s fetz!“, brüllt das bockige innere Kind und reckt die Faust in die Höhe. „Ach du, du weißt doch gar nichts. Hör auf so ein naives Kind zu sein. Komm mal an im richtigen Leben. Da gibt’s keine Party. Da gibt’s nur die harte Realität. Und die ist, dass sie nicht mehr kann. Das merkt sie ja dank mir zur Zeit jeden Tag. Sie ist schon mit Kleinigkeiten überfordert und schafft täglich kaum was.“, erwidert die Depression. „Ok, so kommen wir nicht weiter. Ich bin dafür, dass wir uns in ein paar Wochen nochmal zusammensetzen. Vielleicht sieht die Welt dann schon etwas anders aus. Was meint ihr?“, fragt der gesunde Erwachsene. Und so soll es sein, beim nächsten Stammtisch.
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