Wieder genauso?
- jpfuetzenreuter2
- 28. Okt.
- 4 Min. Lesezeit
Freitag Abend, ungefähr 21:00 Uhr. Wir liegen auf der Couch und es läuft eine Musik Show im Fernsehen, in der eine sehr begnadete Sängerin gerade den Song „Wieder genauso“ von Udo Lindenberg singt. In den Song geht es darum, dass Udo träumt sein Leben sei vorbei und er vom nachts Besuch vom Tod bekommt. Sie trinken zusammen und reden. Es geht um die Frage, ob Udo in seinem Leben alles genauso wieder tun würde, wenn er es nochmal von vorn beginnen könnte. Na klar, ist zusammenfassend die Antwort von Udo Lindenberg. Er würde alles wieder genauso tun, denn es war gut so. Es war schön so.
Ich fange an zu weinen. Das Lied berührt mich total. Es berührt eine Stelle ganz tief in meiner Seele und es konfrontiert auch mich mit dieser elementaren Frage. Würde ich alles genauso machen, wenn ich nochmal von vorne anfangen könnte? Die Gedanken tun mir weh. Denn ich frage mich, ob ich mir viel Leid hätte ersparen können, wenn ich Dinge anders gemacht hätte. Wenn Dinge anders gelaufen wären. Wenn ich mich für andere Wege entschieden hätte. Würde es mir dann heute besser gehen?
In letzter Zeit denke ich vermehrt über die verschiedenen Abschnitte in meinem bisherigen Leben nach. Ich denke darüber nach, wann ich wirklich glücklich war. Als Kind, ganz klar. Natürlich war die Trennung meiner Eltern schlimm aber trotzdem hatte ich eine schöne und unbeschwerte Kindheit, denke ich. Bis zu meiner Konfirmation, nach der ich anfing mich nur noch mit Diäten, Gewicht, Figur und Sport zu beschäftigen. Mich mehr und mehr zu bekämpfen. Jegliche Unbeschwertheit verschwand mehr und mehr.
Rückblickend betrachtete begann eine Zeit des ständigen Kämpfens und Durchhaltens. Die Gedanken: „Wenn du die Figur hast die du dir wünschst“ oder „Wenn du Gewicht X auf der Waage siehst, dann bist du glücklich!“, waren seit dem immer präsent. Schwebten immer über mir und sorgten dafür, dass ich so viel verpasste, weil ich mich zu dick fand und unwohl fühlte und aufgrund der Essstörung an so vielem nicht teil nahm. Glücklich war ich nicht. Dann kam die Zeit des ersten Studiums, zu dem auch der praktische Anteil in einem Gesundheitsstudio zählte. „Ausbildungsjahre sind keine Herrenjahre!“, so dachte ich oft zu der Zeit, denn glücklich war ich auch da nicht. Probleme mit dem Chef, Stress aufgrund der Doppelbelastung von Studium und Arbeit und dazu die Essstörung und der Sportzwang. Einfach anstrengend. „Aber danach! Wenn ich die Jahre überstanden habe, dann! Dann bin ich glücklich.“, so dachte ich wohl. Aber auch nach Abschluss des Studiums stellte sich nicht der Zustand der Zufriedenheit mit meinem Leben ein, denn es folgte ein Job mit einem cholerischen Chef, der jedem Angestellten das Leben zur Hölle machte. Dazu meine Selbstständigkeit in der ich durchgängig arbeitete. Plus Essstörung und Sportzwang. Uff. Auch auf diesen Abschnitt in meinem Leben schaue ich nicht zurück und denke mir: „Was für eine schöne Zeit!“. Die Ausbildung bei der Polizei möchte glaube ich jeder Anwärter nur möglichst gut und schnell überstehen. Denn das Studium ist nicht einfach und man steht oft unter Druck nicht rauszufliegen. Ich hatte während des Studiums nie Probleme außer meiner eigenen Päckchen die ich ja eh mit mir rum trug. Aber auch diese Zeit wollte man hinter sich bringen und dann, ja dann sollte es endlich gut werden. Frage ich meinen Freund, erzählt er mir lustige Geschichten aus seiner Zeit während der Ausbildung bei der Polizei. Lustige WG Geschichten oder Geschichten mit Kollegen etc. All sowas gab es bei mir nie. Aufgrund meiner damals schon bestehenden Erkrankung habe ich mich vermehrt isoliert. Es blieb kein Platz für Verabredungen, für Kontakte, für Partys etc. Meine Essstörung und der Sportzwang verboten es mir quasi. Die ersten Jahre auf der Wache waren schön. Anders kann ich es nicht sagen. Aber auch da kämpfte ich neben der Arbeit mit meinen Dämonen. Und wie es weiterging könnt ihr ja in einem anderen Blogeintrag lesen….
Am kommenden Donnerstag werde ich 35 Jahre alt. Und ich grübele vermehrt darüber nach, ob ich nicht die meiste Zeit meines bisherigen Lebens verschwendet habe. So kommt es mir vor. Dass ich so sehr in meinem eigenen Sumpf festgesteckt habe und auch immernoch feststecke, als hätte ich am Leben gar nicht richtig teilnehmen können und kann es weiterhin nicht. Die Depression hat natürlich nochmal ein ganz neues Maß an Scheiße in mein Leben gebracht und macht zur Zeit, dass fast nichts mehr möglich ist. Aber war ich zuvor jemals glücklich? Ich habe mehr das Gefühl, als sei ich immer durch mein Leben gerannt und hätte auf verschiedenen Schlachtfeldern gekämpft und sei letztlich erschöpft zusammengebrochen. Jetzt blicke ich auf den Trümmerhaufen und stelle fest, dass sich das alles nicht gelohnt hat.
Würde der Tod zu mir kommen und sich mit mir unterhalten, dann denke ich nicht, dass ich ihm sagen würde, dass ich alles nochmal genauso machen würde. Denn so wie ich es gemacht habe, habe ich zwar viele Erfahrungen gesammelt, aber als wirklich schön und glücklich würde ich meinen Weg bis hier hin nicht bezeichnen.
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